“Frau Meier, das haben wir doch alles schon oft genug durchexerziert. Nun kommen Sie bitte zum Punkt” Oder “Herr Müller, es kann doch nicht so schwierig sein, zu begreifen, dass…” Kennen Sie ähnliche Worthülsen? Diskussionen können verbale Kriegsschauplätze sein, und wer sich nicht gegen derartige Angriffe durchsetzen kann, hat es im Beruf schwer. Doch es gibt Rhetorik-Strategien, die einfach zu erlernen sind - man muss sie nur kennen…
Die erste Regel in Diskussionen lautet:
Verteidige und rechtfertige Dich grundsätzlich nie.
Warum?
Sobald ich beginne, den Angriff zu widerlegen, zementiere ich die Vorwürfe. Ob ich jetzt sage: “ich komme immer zu spät” oder “Stimmt doch gar nicht, dass ich immer zu spät komme” ist fast gleichgültig. Hängen bleiben irgendwelche Worte mit “immer zu spät kommen”. Der Gegner, der mich treffen will, hat gewonnen.
Besser:
Den Angreifer ruhig ausreden lassen und sich währenddessen innerlich prüfen, wie verletzbar man ist. Falls ich die Vorwürfe (wie zu spät kommen) berechtigt finde, sollte ich das direkt formulieren: “Ihr Vorwurf trifft mich.” Wahrscheinlicher ist es, dass man unter einer ungerechten Anschuldigung leidet. Das verführt zu kindlichen Reaktionen, die der Gegner natürlich bezweckt. Denn durch unser hilfloses und emotionales Verhalten katapultieren wir ihn/ sie in eine Elternrolle, verleihen also “Macht”.
Bei einer ungerechtfertigten Verbalattacke ist es das Beste, das Thema zu wechseln und nicht auf die Inhalte einzugehen. Etwa so: “Aha, interessant. Aber jetzt sollten wir doch besser auf das eigentliche Thema unseres Meetings zu sprechen kommen, bevor uns die Zeit weg läuft…” Freundlich, zugewandt, fest wie ein Berg. Ist man zusätzlich in der Lage, einen leicht ironischen Unterton zu platzieren - ohne verletzend zu werden - hat man sich bestmöglich aus dem versuchten Angriff befreit.
Die zweite Regel in Diskussionen lautet:
Verstehe grundsätzlich keine Andeutungen - drum frage noch einmal nach…
Warum?
Sehr gerne nutzen Verbal-Krieger die Taktik, eine Schwäche nur anzudeuten, sie in den Raum zu werfen, so wie man Billardkugeln anstößt. Da ist es ganz falsch, so zu tun, als hätte man nichts gehört. Denn das kommt einem indirekten Schuldeingeständnis gleich. Beispiel: “Ich möchte jetzt nicht auf Ihre Ungereimtheiten eingehen, sondern lieber…” Lassen Sie auf keinen Fall diesen Angriff so stehen, das schwächt enorm!
Besser:
Fragen Sie ganz unschuldig, offen und erstaunt nach: “Welche Ungereimtheiten meinen Sie?” Sie glauben nicht, wie das den Angreifer verunsichert. Was soll er tun? Er kann eigentlich nur antworten: “Jetzt nicht, das würde zu lange dauern” - und hat damit den schwarzen Peter elegant zurück erhalten.
Schwächen andeuten ist immer der Versuch, einzuschüchtern. Leider geht es oft nicht um wichtige Kriegsschauplätze - für viele Menschen ist es eher eine vertraute Gewohnheit, so zu reden. Es gibt ihnen Sicherheit, und sie erleben ja auch zu selten, dass sie nicht damit durchkommen! Bringen Sie sie ein paar Mal aus dem Konzept, dann werden Sie sicher in Zukunft damit in Ruhe gelassen…
Die dritte Regel in Diskussionen lautet:
“Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern…”
Warum?
Ebenfalls beliebt ist die Strategie in Diskussionen, zu behaupten, man hätte früher ganz anders gesprochen. Zum Beispiel so: “Vor einigen Wochen haben Sie noch selbst gesagt, dass…” Oder, aggressiver: “Jetzt, plötzlich, reden Sie so? Ich weiß noch genau, wie Sie lange die Meinung vertreten haben…” Ganz falsch wäre es hier, auf “früher” einzugehen. Sobald Sie sich auf das gleiche Niveau begeben wie der Gegner, machen Sie sich unglaubwürdig - im schlimmsten Fall sogar lächerlich.
Besser:
Bei diesen Angriffen handelt es sich nicht um Einschüchterungsversuche eines überlegenen Diskussions-Gegners, sondern um eine “Pubertäts-Attacke”. Sie haben keinen Grund, dem Angreifer böse zu sein, er zeigt ja deutlich seine Hilflosigkeit. Schön ist etwa die freundliche Reaktion: “Das freut mich aber, dass Sie sich so gut an meine Worte erinnern. Und vor allem freut es mich, dass meine Auffassung so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat!” Wenn Sie es selbstverständlich finden, dass der Mensch ein lernendes Wesen ist, werden Sie keine Probleme damit bekommen, Ihre Meinung zu ändern. Auch wenn Ihr Gegenüber gerne die Welt zementieren möchte - es geht nun mal nicht. Damit muss er leben.
Grundsätzliches zu Diskussionen:
Diskussionen sind Gefechte: vom sportlichen Kräfte Messen bis zum blutigen Krieg. Sie unterscheiden sich von Team-Gesprächen dadurch, dass sich, bildlich gesprochen, die Gesprächspartner gegenüber sitzen - statt in die gleiche Richtung zu blicken!
In Diskussionen geht es immer um mentale Kräfteverteilung. Wir wechseln in Gesprächen zwischen Kind-Eltern-Ansprache, Partner-Partner-Gespräch, und Eltern-Kind-Ansprache. Bei einer Diskussion versucht man, selbst in die Eltern-Rolle zu schlüpfen und dem Gegner die Kind-Roller zuzuweisen. Falls Sie diese Psycho-Spielchen nicht mögen, versuchen Sie, immer wieder die Partner-Ebene zu erreichen - auch wenn Ihr Gegenüber das vermeiden möchte.
Das Beste, um rhetorische Kriegsspielchen zu durchbrechen, ist Authentizität, Aufrichtigkeit und Zugewandtheit. Nur wenn wir in der Lage sind, mit gerechtfertigter Kritik umzugehen, brauchen wir uns nicht vor Angriffen zu fürchten. Niemand ist perfekt, jeder ist angreifbar. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Darum sollten wir zu unseren Schwächen stehen können - weil wir von unseren Stärken überzeugt sind.
Also erst einmal hinsetzen und Kaffee trinken. Der Weg des “friedvollen Kriegers” ist sicher langfristig der erfolgreichste und angenehmste,und wer weiß: vielleicht werden aus Gegner ja noch Freunde! Reichen wir ihnen die offene Hand.
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