Mobbing und die “deutsche Neidkultur”

Einer Forsa-Umfage nach sind mehr als die Hälfte der Deutschen davon überzeugt, in einer Neidgesellschaft zu leben - doch nur 7 Prozent bezeichnen sich selbst als neidisch oder missgünstig. Doch was genau hat Neid mit Mobbing zu tun? Der Psychologe Rolf Haubl ist Deutschlands populärster Neidforscher und analysiert das Phänomen

Neid zugeben mag der Mensch nicht, weil er damit eingesteht, dass er einen Mangel empfindet. Dass  er sich minderwertig fühlt, als Opfer, ungeliebt oder unbeachtet. Neidursachen gehen tief an die Wurzel des Lebenssinns: egal, welche Stellvertreter man sich ausdenkt, im Grunde genommen ist der Mensch neidisch auf Glück, Sinn, Liebe, Orientierung.

Rolf Haubl unterscheidet vier Formen des Neides: es sind

  • der depressiv-lähmende Neid
  • der empört-rechtende Neid
  • der ehrgeizig-stimulierende Neid
  • der feindselig-aggressive Neid

Der depressiv-lähmende Neid ist mit dem Gefühl verbunden, selbst nie an die beneideten Güter herankommen zu können. Die häufigsten Stellvertreter für Glück, Liebe, Sinn sind da Erfolg, Reichtum, Schönheit, Familie.

Der empört-rechtende Neid ist ein häufiger Begleiter von “Gutmenschen” und “braven Bürgern”. Man empört sich z.B. über die Jugend von heute, Ausländer, Umweltverschmutzer, Tierquäler, Arbeitslose, Politiker und Manager. Dahinter steckt ein Hilferuf des ungeliebten ewigen Kindes, das immer versucht, es den Eltern recht zu machen, ohne die gewünschte Belohnung zu erhalten: Liebe, einfach so…

Der ehrgeizig-stimulierende Neid ist die Antriebsfeder von Erfolgsgesellschaften. In den USA sagt man: “Keeping up with the Joneses” (Mit den Jones’ mithalten). Dieser Neid wird auch als Ehrgeiz bezeichnet und beruht auf einem eigenen sicheren Wertesystem. Nur in einer gewissen Geborgenheit und mit dem nötigen Selbstvertrauen kann ich diesen Ehrgeiz, diesen Optimismus leben.

Der feindselig-aggressive Neid ist in demokratischen Wohlstandsgesellschaften eine pathologische Randerscheinung. Doch wehe, das “Volk zerreißt die Kette” und Systeme wie der Nationalsozialismus in Deutschland werden gesellschaftsprägend. Dann entwickelt so mancher braver Bürger nie gekannte offene Zerstörungsgelüste. Auch wenn man sich die Massaker in einigen afrikanischen Ländern betrachtet, sieht man die erschreckenden Auswirkungen des Neides: ohne Orientierung und Sinn kann der Mensch zum Monster mutieren.

Was hat das nun alles mit Mobbing zu tun? Nun, so wie Reichtum, Schönheit, Erfolg und Versagen als Stellvertreter des eigenen Mangels dienen müssen, so dienen Mobbing-Opfer ebenfalls als Blitzableiter des Neides. Man kann sich über jemanden erheben, dessen “Dummheit unerträglich ist” - oder der “nur den ganzen Betrieb aufhält”.

Abgesehen vom Chef-Mobbing, das einen Sonderfall darstellt, sind Mobbingopfer nämlich von ganz besonderer Natur:

  • sie haben Schwierigkeiten, sich zu behaupten (darum auch so häufig Frauen)
  • sie bieten Angriffsflächen durch “sonderbare” Eigenschaften, die sowohl äußerlich als auch innerlich begründet sein können
  • sie reagieren auf Mobbing in gewünschter Weise: verschreckt, ängstlich, trotzig - auf jeden Fall mit einer weiteren Schwächung

Mobbing tut Menschen gut, die selbst Mobbing kennen - vor allem aus der frühen Kindheit. Jemand, der viel Liebe und Selbstbestätigung von den Eltern (oder Großeltern) erfahren hat, wird keine Freude am Mobbing haben. Und gerade die Gründe, warum Kollegen/innen gemobbt werden, sprechen die eigenen Schwächen, die eigenen Ängste und Mängel ungeschminkt an:

  • ich kann diese Begriffsstutzigkeit nicht ertragen
  • er/sie ist faul und phlegmatisch
  • ein ewiger Störenfried, macht aus jeder Mücke einen Elefanten
  • versucht, sich einzuschleimen, hat überhaupt keine eigene Meinung
  • diese Arroganz macht mich krank - mal sehen, wie lange sie/er das durchhält
  • will sich beim Chef beliebt machen, auf Kosten der Kollegen - das werde ich nicht durchgehen lassen

Es tut weh, sich das einzugestehen, aber es ist nun mal psychologisch erwiesen: alles, was mich an anderen aufragt, sind Eigenschaften, die ich in mir nicht akzeptiere, nicht sehen will, unterdrücke und fürchte.

Dem eigenen Unterbewusstsein auf die Spur zu kommen, ist immer schon ein Weg zur Besserung. Ich habe eine Freundin, die ganz klar zur redlich-empörten Gutmensch-Neid-Gruppe gehört - der man aber schon von Weitem ansieht, dass sie sich eigentlich nur danach sehnt, so angenommen zu werden, wie sie ist: etwas dick, etwas kränkelnd, etwas allein. Ich bin froh, dank Rolf Haubl ihre Motive nun besser zu verstehen und ihre Empörung gegen untätige Arbeitslose und Umweltverschmutzer einordnen zu können - als Reaktion frage ich sie jetzt einfach mal nach ihrer Kindheit - darüber sprechen können tut nämlich gut.

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