Ratgeber für Manager: Sucht am Arbeitsplatz

“Süchtige sind erst bereit, was zu tun, wenn sie müssen: weil die Familie weggeht, der Arbeitsplatz gefährdet ist - oder der Arzt einem ein Ultimatum setzt”. Diese bittere Erkenntnis eines “trockenen” Alkoholabhängigen bringt es auf den Punkt. Etwa 1,7 Millionen Alkoholkranke in Deuschland gibt es schätzungsweise, und auffällig wird die Sucht häufig am Arbeitsplatz

warum am Arbeitsplatz? Familien und Ehepartner haben oft die unglückliche Angewohnheit, den Süchtigen vor den Konsequenzen seiner Krankheit zu schützen. Ob Alkohol, Medikamente oder Drogen, da wird versteckt, gelogen, heruntergespielt, gejammert, beschützt und gepflegt - so irrational und schädlich dieses Verhalten ist, es ist die begleitende Kehrseite der “Sucht-Medaille”. Selbst am Arbeitsplatz finden Süchtige häufig Arbeitskollegen oder Kolleginnen, die bereit sind, sie mit Ausreden vor dem Vorgesetzten zu schützen - bis es irgendwann nicht mehr geht.

Oder die Betroffenen ziehen sich völlig zurück, versuchen so gut es geht, ihr Arbeitspensum zu erledigen und nicht aufzufallen. Not macht erfinderisch, Süchtige lernen Tag für Tag weiter, ihr Geheimnis zu tarnen, und oft ist die Belegschaft völlig verblüfft, wenn eine Suchtkrankheit entdeckt wird: “Das hätten wir nie gedacht! Wir haben überhaupt nichts gemerkt!”

Vorgesetzte sind in einer außergewöhnlich glücklichen Lage, wenn ihre Mitarbeiter so großes Vertrauen haben, dass sie Auffälligkeiten von Kollegen melden. Denn einen Verdacht auszusprechen, erfordert Mut - auch den Mut, sich eventuell zu irren.
Was nun können Chefs tun, wenn sie entweder selbst entdecken, dass jemand aus der Belegschaft womöglich ein Suchtproblem hat - oder wenn sie darüber Informationen erhalten?

Zuerst sollte man versuchen, die Indizien, die auf eine Suchterkrankung hinweisen, wahrzunehmen:

  • Unpünktlichkeit, häufige Krankmeldungen
  • Zerstreutheit, Nervosität, Konzentrationsstörungen
  • Entzugserscheinungen wie Zittern, nervöse Ticks, starkes Schwitzen
  • bei Alkohol: die Alkoholfahne bzw. das ständige Lutschen von Pfefferminz
  • starke Stimmungsschwankungen
  • extreme Ex- oder Introvertiertheit
  • starke “Ich”-Bezogenheit, verbunden mit häufigen Schuldzuweisungen an andere

Selbstverständlich unterscheiden sich Medikamentenabhängige von Alkoholikern, und diese wieder von Süchtigen, die illegale Drogen konsumieren. Doch der Leistungsabfall und die Unfähigkeit zur Eigenverantwortung sind typische Parameter der Sucht. Denn immer liegt ein Zustand vor, wo ein Mensch durch zugeführte Stoffe zunehmend fremdbestimmt wird und in ständiger existenzieller Sorge lebt, sich diesen Stoff erneut zuführen zu müssen.

Weisen die Indizien auf eine Suchterkrankung hin, ist es von Vorteil, wenn Kollegen die Beobachtungen bestätigen können. Doch man sollte sehr vorsichtig sein mit Verdächtigungen, und im Zweifelsfall immer lieber das Gespräch mit dem/der Betroffenen, als mit Kollegen suchen!

Spätestens bei konkreten Verdachtsfällen ist es sinnvoll, im Team ganz allgemein über Suchtkrankheiten zu sprechen. In jeder Gemeinde gibt es Beratungsstellen, die sicher gern eine/n Referenten/in schicken, der /die einen Vortrag zum Thema “Sucht am Arbeitsplatz” hält.

Gemeinsam werden konkrete Vereinbarungen getroffen, wie die Belegschaft in Zukunft damit umgehen will, wenn Mitarbeiter betroffen sein könnten. Die Vereinbarungen werden protokolliert und allen an die Hand gegeben. Mit so einem allgemeinen Präventionsprogramm ist das Unternehmen schon einmal sensibilisiert.

Nach einigen Wochen sucht man das Gespräch mit dem/der Betroffenen. Durch die Vorarbeit ist es jetzt wahrscheinlicher, dass der Verdacht nicht einfach rundherum geleugnet wird. Ist der/die Süchtige gesprächsbereit, werden gemeinsam Maßnahmen besprochen, die nun ergriffen werden müssen: ein Ziel wird definiert, ein Zeitpunkt für dieses Ziel festgesetzt, und die einzelnen Schritte vereinbart. Dem/der Betroffenen wird deutlich, dass der Arbeitsplatz gefährdet ist, wenn dieser Fahrplan nicht eingehalten wird.

Auf jeden Fall ist eine begleitende Suchttherapie unumgänglich. Ob diese auch stationär durchgeführt werden muss, hängt vom Schweregrad der Sucht ab. Besonders Medikamentenabhängige haben einen sehr schweren Weg des Entzuges vor sich: kein Drogenentzug verläuft so schwer und frustrierend wie der Entzug von Psychopharmaka. Ein längerer Klinikaufenthalt ist meist notwendig.

Für die Wiedereingliederung ist es wichtig, dass der/die Suchtkranke sich am Arbeitsplatz gewollt und bestätigt fühlt. Wie meist im Leben ist der Mittelweg zwischen Konsequenz und Zuwendung entscheidend für den Erfolg. So konnte Ford in Saarlouis es erreichen, durch ein Bündel gezielter Maßnahmen und klare Vorgehensweisen die Rückfallquote von normalerweise 50 Prozent auf 20 Prozent zu senken.

Natürlich kann ein kleineres mittelständisches Unternehmen nicht die intensiven Suchtprogramme der Konzerne kopieren, aber der intensive persönliche Kontakt und die Identifizierung mit dem mittelständischen Betrieb sind von großem Vorteil.

Und was tut ein Vorgesetzter, der durch zunehmenden Druck selbst in die Mühlen einer stofflichen Abhängigkeit gerät? Selbsthilfegruppen sind das probate Mittel für alle Suchtkranken. Nur im Zusammensein mit Gleichen ist es möglich, Sucht-Mechanismen im Schutz der Anonymität zu entlarven. Nur Tag für Tag können Süchte überwunden werden, Schritt für Schritt und im Kreis von Freunden, die verstehen, ohne zu verharmlosen. Anonyme Selbsthilfegruppen gibt es in jeder Stadt, jeder Gemeinde, und meist für viele veschiedene Suchtarten - auch für nicht stofflich gebundene Süchte wie: Spielen, Arbeiten (Workaholics), Kaufen. Es ist ein langer Weg, doch wer ihn erfolgreich begeht, erwirbt kostbare Fähigkeiten und Erkenntnisse für das ganze Leben.

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